Heimatverein 1952 Arborn e.V.

 


 

 

Anno 1613 Der Schwarze Tod in Arborn

 

Sanft streicht der Wind durch die Blätter der alten Winterlinde auf der Höhe zwischen den beiden Westerwalddörfern Arborn und Mengerskirchen.

Man fragt sich, was dieser Baum erzählen würde, könnte er denn reden.

Eine seiner Geschichten soll nun hier berichtet werden.

 

Am 17. März 1613 war es, als der Arborner Henches Christ sich mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen auf seinen Strohsack legte. Als wenige Stunden später die charakteristischen Beulen in der Leistenbeuge und den Achseln auftraten, hatte seine Familie die schreckliche Gewissheit: Henches Christ hatte die Pest!

Aus unserer heutigen Sicht, waren die hygienischen Verhältnisse in dieser Zeit katastrophal. Ein tägliches Bad, regelmäßiges Händewaschen und häufige Wäschepflege, inklusive Kleiderwechsel, waren weitgehend unbekannt. Toiletten gab es so gut wie gar nicht, man erledigte seine Notdurft auf dem Mist oder gleich am Wegesrand.

Ein idealer Lockstoff für Ratten, die Wirt des Ratten- oder Pestflohs sind.

Der Rattenfloh überträgt den Pesterreger durch Biss auf den Menschen. Mit fatalen Folgen; die Inkubationszeit liegt bei wenigen Stunden bis sieben Tagen. Die Symptome sind Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, starkes Krankheitsgefühl und Benommenheit. Später kommt es zu Bewusstseinsstörungen. Es entstehen hierbei schmerzhafte Beulen in der Gegend der Lymphgefäße, die später aufbrechen und eine so genannte Pestsepsis bewirken. Danach gibt es für den Betroffenen keine Hilfe mehr.

Soweit ein kurzer Exkurs zum Krankheitsverlauf.

Bereits im Jahre 1597 war unter Graf Georg von Nassau-Dillenburg eine Pestordnung erlassen worden. Da es damals für die einfache Landbevölkerung weder Ärzte, noch Bader, noch Apotheken gab, leichtere Krankheiten wurden üblicherweise von Hebammen und Kräuterweibern kuriert, fasste man hier alle Vorschriften zusammen, die aus sanitärer, sittlicher und rechtlicher Sicht geboten schienen.

So kam es öfters vor, dass man den oder die Erkrankten aus ihrem Heimatort vertrieb, seine persönlichen Gegenstände, wie Kleidung und Leibwäsche, verbrannte und die Häuser mit Wacholderrauch desinfizierte.

Auch stellten der damaligen Landesherren ihren erkrankten Landeskindern kostenlos Bier und Wein zur Verfügung. Im Wein sah man damals ein Mittel, dass den Genesenden neue Kraft und den Sterbenden Linderung spenden sollte. Lagerung und Ausschank des Rebensaftes oblag den Geistlichen, somit ergab sich die eigentümliche Sitte, die Westerwälder Pfarrer im Nebenamt zu Wirten machte. Der streng calvinistische Graf Johann VI. von Nassau Beilstein setzte diesem Brauch am Ende des 16. Jahrhunderts ein Ende.

Nun jedoch zurück zu unserem Henches Christ.

Nach zwei qualvollen Tagen hatte der Arborner Familienvater sein Leben ausgehaucht, seine letzte Ruhe fand er auf dem Kirchhof in Nenderoth. Schon zwei Tage später starben die zwei Töchter des Erkrankten, Ursula und Crein, einen weiteren Tag später die beiden jüngsten Henches Kinder, Martha und Johan Tonges. Alle vier hatten sich beim Vater angesteckt, im Mai folgte der älteste Bruder, Adam.

In der Nachbarschaft hielt die Seuche bis zum Sommer dieses Jahres 1613 ebenfalls reiche Ernte.

 

Hier sei der Eintrag des damaligen Pfarrers im Kirchenbuch, Jakob Knöll, eines gebürtigen Dillenburgers, im Original zitiert:

Auf heut Dato den 17. Marty die Pest zu Arborn angeschlagen in Henches Christges Haus, und gestorben wie folgt

  • Den 19. Marty gestorben daran Henches Christ zu Arborn und uf dem Kirchoff zu Nenderod begraben.
  • Ithem dem selbigen den 21. Marty zwei Kinder alß Ursula und Crein.
  • Ithem den 22. die zwei jüngste alß Marta und Johan Tonges.
  • Schulteisen Eberten sohn Hans Henrich und Eva gestorben
  • Ithem den 10. Aprilis sein eltester Sohn gestorben.
  • Ithem dem selbigen noch ein Kind.
  • Ithem den 26. Marty Steffen Culman ein magtlein gestorben.
  • Ithem den 10. Aprilis Wilhelm Petters sein eltester Sohn Johann gestorben.
  • Ithem den 14. Aprilis Herman Fischbach, Hoffman zu Arborn Schwester, so er zur magt gehabt gestorben.
  • Ithem den 19. Aprilis Hieffen Pauly zwei Kinder gestorben.
  • Ithem dem Scheffer den 17. Aprilis ein Tochter gestorben.
  • Ithem den 20. Aprilis Hiffen Pauly wieder eine Tochter.
  • Ithem den 21. Des Schumachers Eydam Wilhelms Petter gestorben.
  • Ithem den 22. Johann Hiffen Petterman gestorben.
  • Ithem den 26. Aprilis des Scheffers Sohn Johangen gestorben.
  • Ithem den 27. Aprilis Herman Fischbach sein Sohnlein Johan Bernhart gestorben.
  • NB.Schulteisen Eberten eltester Sohn und Wilhelms Petter eltester Sohn Johan uf dem Bühl dem newen Kirchoff zu erst kommen. Die andern Vorige ußgenommen Christge selbsten liegen in der alte Kirche ufm berg.
  • Ithem den 29. Aprilis Johann Scheffer eine Tochter.
  • Ithem den 30. Aprilis Barbes Johanges Hausfrau Cathrina so erstlich des Kindes abkommen so auch gestorben.
  • Ithem den 1. May Krein Pauly Sohn.
  • Ithem noch den selbigen Tag er Krein Pauly selbsten gestorben.
  • Ithem den 4. May Henches Christges Elster Sohn Adam gestorben.
  • Ithem den 7. May Paulus Sturms Hausfrau Enchen, gestorben.
  • Ithem noch den selbigen Barben Johanges Sohn Johan Wilhelm gestorben.
  • Ithem den 8. May Eber Pfeffern ein Sohn gestorben.
  • Ithem den 15. May Elsa Johann Dauben zu Arborn Hausfrau gestorben.
  • Ithem den 16. dem selbigen ein Kindt.
  • Ithem den 28. May dem Scheffer eine Tochter.
  • Ithem den 14. Juni Eva Christgen ein Sohn.
  • Ithem den 19. Juni Wilhelm Hepen seligen Sohn Johann Bernhard gestorben.
  • Ithem den 24. Juni Feiches Adam Jung Kind Johan gestorben.
  • Ithem den 8. Juli Merten, Eva Christges Sohn gestorben.
  • Ithem den 24. Juli Crein, Johan Winders Hausfrau gestorben.

Bei den erwähnten Begräbnisorten, der „alten Kirche ufm Berg“ und den „newen Kirchoff uf dem Bühl“ handet es sich einmal um die Heiligkreuzkirche, damals bereits verfallen und nur noch als Fürbittort von den Besuchern und Beschickern des Struthhäuser Marktes genutzt und das heutige Wohngebiet „Auf dem Bühl“ in Arborn.

Beide Ruhestätten waren mit Bedacht gewählt. Nach der oben erwähnten Dillenburger Pestordnung waren im Fall einer die Kirchspiele angehalten im grundwasserfreien Gebiet Fillialkirchhöfe anzulegen, um eine größere Ausdehnung und Übertragung der bösartige Seuchen zu verhindern.

Die Heiligkreuzkirche, auch „Abbekerch“ genannt, lag als ehemaliges Gotteshaus nahe.

Vor rund 90 Jahren, 1923, wurden bei Wegearbeiten im Bereich des heutigen Mengerskircher Weg Grundmauern aus Basallt freigelegt, auch fand man einen Schädel, den Herr Otto Petri (Bennersch Otto, verstorben 2004) ins Dorf brachte.

Nachforschungen im oben erwähnten Kirchenbuch brachten Gewissheit, dass es sich um die hier begrabenen Opfer der Gottesgeißel handelte.

Die Grube wurde aus Pietät wieder verschlossen, man wollte den Verstorbenen die letzte Ruhe gönnen.

 

Der Bühl kam als Begräbnisort in Frage, weil er alle Gewässer des Dorfes zum Kallenbach wegführt.

Trotz zahlreicher Neubauten in den letzten 50 Jahren, zuletzt 2010 beim Bau der Fam. Schäfer, konnten jedoch keine Funde gemacht werden.

Wo mag der Kirchhof sein? Dies ist den Spekulationen interessierter Zeitgenossen überlassen.

 

Auch im 21 Jahrhundert ist der Schrecken der Pest noch nicht gebannt. Man liest immer wieder von ihrem Ausbruch in der sogenannten Dritten Welt, doch kann man sie heute mit modernen Medikamenten heilen.

Die Kreuzkirche erinnert uns heute noch an die Schrecken der Zeit und das Leid unserer Vorfahren.

Und als Gedenkstätte soll sie auch erhalten bleiben!

 

Bei der Recherche haben mir das Buch „Arborn-unser Heimatdorf zwischen Knoten und Kallenbach“, das Nenderother Kirchenbuch und das Internetlexikon wikipedia sehr gute Dienste geleistet.