Heimatverein 1952 Arborn e.V.

 

Johann Jost Gradel- Ein Arborner in der Schlacht von Waterloo

 

Wenn man auf dem Wiesbadener Luisenplatz steht, fällt einem das Denkmal aus dem Jahr 1865 ins Auge. Ein Obelisk aus Sandstein, „Zum Gedächtnis der in der Schlacht von Waterloo gefallenen Nassauern am 18. Juni 1815“, so die Inschrift.

Unter der Überschrift „Amt Herborn“ springt ein Name ins Auge: J. Gradel.

Den älteren Arborner Einwohnern ist der Name noch geläufig, als Hausname „Groadels“ hat er die Jahrhunderte überdauert, als Familienname ist er jedoch seit rund eineinhalb Jahrhunderten ausgestorben.

Der Familienname Gradel stammte ursprünglich aus Tirol, genauer gesagt aus dem Vintschgau. Von dort hatte man im 17 Jahrhundert Bauhandwerker geholt, um die in den Kriegen zerstörten Schlösser wieder aufzubauen. Der eine oder andere blieb in unserer Region, so auch der Maurer Florens, nach anderen Quellen Friedrich, Gradel. Im Herbst 1672 heiratete er die Arbornerin Magdalena Haas. Hierzu der Eintrag im Nenderother Kirchenbuch:

  • Friderich Gradell, ...... Gradelß von marck malß auß Tyroll ein Maurer ehelicher Sohn undt Magdalena, Johan Jost Haasen nachbahrs zu Arborn ehel. Tochter.
    Proclamirt zu Nendenrodt den 20. Oktobris, copulirt daselbsten den 20. Novembris Ao 72.

 

Doch wie kommt nun der Name Gradel auf das Denkmal am Luisenplatz?

Die Aufklärung findet sich im Nenderother Kirchenbuch, in das im Jahre 1832 der damalige Pfarrer Dresler den Tod des Arborner Einwohners Johannes Gradel einträgt. Er vermerkt, gründlich und genau, wie das Formular es verlangt, neben seinem Geburts- und Heiratsdatum auch den Namen seiner Eltern und das Todesdatum seiner verstorbenen Frau. Er schreibt weiterhin, dass er drei Kinder hatte, zwei Söhne und eine Tochter, von denen die Tochter und ein Sohn bereits vor dem Vater verstorben waren und dass er fünf Enkel und vier Urenkel erleben konnte. Dann fügt er wörtlich hinzu: „der Sohn starb in der Schlacht von Waterloo.“ 

Es ist also tatsächlich ein Arborner, dessen Name sich auf dem Wiesbadener Denkmal befindet. Sein vollständiger Name war Johann Jost Gradel, und er erblickte das Licht der Welt am 23. Januar des Jahres 1794

Hierzu der Eintrag im Taufbuch der Nenderother Kirchengemeinde:

 

  • Den 23. des morgens 7 Uhr ist dem Johannes Gradel und dessen Ehefrau Catharina ein Söhnlein zur Welt gebohren, welches den 26. getauffet. Taufzeugen waren Johann Jost Pfeiffer und Christina, Johannes Gradel Hausfrau.

Das Kind heist Johann Jost.

Sie waren überraschend noch einmal Eltern geworden, ihr einziger Sohn Henrich schon 17 Jahre alt (das später beim Tod des Vaters genannte Schwesterchen, Eva Margaretha, war als Kleinkind 1784 gestorben). Eine Aufstellung des Beilsteiner Amtmanns aus dem Jahr 1783 gibt uns einen Einblick in die Lebensumstände der Familie: Johannes Gradel besaß damals neben Haus und Scheune zwei Ochsen, zwei Kühe, ein Rind und sechs Schafe. Sein Grundbesitz belief sich auf 14½ Morgen. In Arborn lag er damit immerhin im oberen Drittel, reich war er jedoch sicher nicht. Das Haus, das im Verzeichnis von 1783 genannt wird, stand bis 2012, es hat hatte die Adresse Knotenstrasse 16. 

Hier wuchs Johann Jost Gradel auf, fest eingebunden in Familie und dörfliche Gemeinschaft. Schräg gegenüber lag das Elternhaus seiner Mutter, sein Onkel Johannes Hild wohnte darin (es wird heute noch Hilds-Haus genannt). Gleich dahinter stand das Haus seines „Pats“, Johann Jost Pfeiffer, der wie sein Vater Schreiner war (heute nennt man es „Metzjuste Haus“). Nur wenige Schritte waren es bis zu seiner Patentante, die er vielleicht „Christina-Go“ genannt hat. Sie wohnte in dem Haus, das den Familiennamen einmal bewahren sollte, denn bis heute ist es als „Grodels-Haus“ bekannt.

Es waren turbulente Zeiten um jene Jahrhundertwende, als Johann Jost Gradel unter Lehrer Kegel von Nenderoth die kleine Schule in der Dorfmitte besuchte. Ihre Wellenschläge waren auch im kleinen Arborn zu spüren: es war die sogenannte Franzosenzeit. Truppendurchzüge, Besatzung und Einquartierungen hielten die Menschen in Atem. Johann Jost war zwölf Jahre alt, als sich die Arborner Rekruten der Musterung zur Reserve widersetzten, und als er 1808 konfirmiert wurde, gehörte Arborn zur sogenannten „Mairie“ Mengerskirchen im von Napoleon gegründeten Großherzogtum Berg. Neunzehnjährig hörte er vom Russlandfeldzug des großen Franzosen, von seinem Scheitern und vom heillosen Rückzug des kaiserlichen Heeres. Die Befreiungskriege folgten, die Siege der Preussen bei Leipzig und schließlich die Verbannung Napoleons nach Elba. Vielleicht war es der nationale Gefühlsüberschwang, der damals sicher auch die Westerwalddörfer erfasst hat, vielleicht waren es Abenteuerlust und Draufgängertum, die Johann Jost Gradel bewogen, Soldat zu werden. Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, wie lange er Soldat war und ob er überhaupt schon einmal gekämpft hatte, als es dann, am 18. Juni des Jahres 1815, noch einmal zu einer Schlacht kam. Zu der Schlacht, die den Namen eines unbekannten belgischen Dorfes für immer auf den Seiten der Weltgeschichte verewigen sollte: Waterloo. Es wurde Napoleons letzte Schlacht. Seine Armee wurde geschlagen, sein Reich aufgelöst, er selbst endgültig verbannt. Der Arborner Schreinersohn Johann Jost Gradel wird dies alles nicht mehr erfahren haben. Er ist nur 21 Jahre alt geworden.

Seine Eltern überlebten ihn um lange Jahre, die Mutter starb 1828, sein Vater hochbetagt vier Jahre später. Das Elternhaus, das er einmal hatte übernehmen sollen, fiel an eine Nichte, deren Nachkommen es noch bis vor kurzem bewohnten. Man nannte es „Schreinersch“, vermutlich nach dem Beruf des Johannes Gradel, und später dann „(Schreinersch)-Baumanns Haus“.

Sicher hat man sich in der Familie noch lange von dem Onkel erzählt, der so jung in der berühmten Schlacht bei Waterloo gefallen war. Irgendwann aber ließen die Zeit, ließen neue Kriege diese Begebenheit in Vergessenheit geraten. Schließlich verschwand auch der Name, der mit dem Tiroler Maurer gekommen war, wieder aus Arborn: im Jahr 1894 starb die letzte geborene Gradel, eine Tochter noch von Johann Josts älterem Bruder Henrich. Ihr Grabstein, der die Erinnerung an den Namen noch ein wenig länger bewahrte, ist lange verschwunden. Verschwunden ist auch das alte Herzogtum Nassau, das ihn auf ein Denkmal setzte. Nur jenes selbst steht seit nunmehr einhundertvierzig Jahren unverändert auf dem Wiesbadener Luisenplatz.

Quellen: Bericht von Gerd Schwarz im Arborner Heimatblättchen vom März 2007,

Kirchenbücher Nenderoth auf www.nenderother-heimatstube.de