Heimatverein 1952 Arborn e.V.

 

Alte Trauersitten

Wenn das Glöckchen im Dachreiter der Alten Schule zur unüblichen Zeit läutete, wussten die Arborner, dass ein unwillkommener Gast in eines der Bauernhäuser gekommen war; der Tod.

Ursachen waren häufig damals noch unheilbare Krankheiten wie Tuberkulose (“Auszehrung”), Krebs, oder auch die üblichen, heute mit modernen Medikamenten heilbare Kinderkrankheiten, sowie der Tod einer jungen Mutter im Kindbett.

Ein paar interessante Eintragungen bezüglich der Todesursache aus dem Nenderother Kirchenbuch möchte die Verfasserin dem Leser nicht vorenthalten:

“starb in den Geburtswehen. Nach ihrem Todte ward sie noch durch den Herrn Obermedizinalrath Fritze, Herborn, von einem todten Mädchen vermittelst des Kaiserschnitts entbunden.”* (1818)

Hier ein tragischer Todesfall, eine 29jährige Arbornerin betreffend: “Sie wurde, nachdem sie am 2. März des abends ihre Wohnung verlassen, am 3. des morgens im Weier am Dorfe todt gefunden. Bei der Oefnung der Leiche ergab es sich, dass sie um 8 Monate hin mit einem Knaben schwanger ging.”

wurde bei Arborn im Wald auf der Jagd durch einen Schuss getötet.” (1848)

Soweit der kurze Ausflug in das Kirchenbuch.

Nach dem Tod wurde der / die Verstorbene auf ein auf eine Holzbank gelegtes Strohbett aufgebahrt (diese Art der Aufbahrung nennt man im Arborner Dialekt “off’ m Schaab leije”), nachdem er / sie zuvor von einer Angehörigen, oder einer als Totenfrau bestellten Nachbarin, gewaschen und in den Sonntagsstaat gekleidet wurde.

Verstorbenen Kindern oder ledigen jungen Frauen wurde oft eine sogenannte Totenkrone beigelegt *.

 

Totenkrone für Charlotte Himmelreich 1899

 

Nach der dreitägigen Totenwache, die von den Nachbarn schweigend, bei geschlossenem Fenster und brennenden Kerzen, gehalten wurde, sargte man den / die Verstorbene/n schliesslich ein.

Der Kuchen zum Leichenschmaus, meistens ein “Geraffter” oder Hefewecken, wurde inzwischen von den Nachbarinnen des Trauerhauses im Backes gebacken, die Zutaten hierfür stellten ebenfalls die Nachbarinnen. Sie putzten auch die Wohnstube des Trauerhauses, deckten die Tische ein und kochten den Kaffee.

Die Wohnstube war oft auch der Ort, an dem der Tote aufgebahrt lag, gegen den Verwesungsgeruch wurde mit dem Rauch von Wachholderzweigen, die man auch den Sargträgern an den Gehrock steckte, vorgegangen.

Bis zum Jahr 1881 wurden verstorbene Arborner auf dem Kirchhof in Nenderoth begraben, ab dem genannten Jahr legte die Gemeinde Arborn einen eigenen, heute noch bestehenden Friedhof am “ Alten Haag” an, was den Weg zum Gottesacker beträchtlich verkürzte.

Nachdem der Leichnam vom Pfarrer ausgesegnet wurde, ging der Trauerzug, bestehend aus den Angehörigen und Nachbarn zum Friedhof. Vor dem Sarg ging der Pfarrer mit der Schuljugend, deren Aufgabe der Grabgesang war. Wann diese Aufgabe auf den Frauenchor überging, ist nicht mehr feststellbar.

 

Erinnerung an den 14 Monate alten Wilhelm Petri, ca 1908

 

Getragen wurde der Sarg von zwölf Männern aus der Nachbarschaft, die sich unterwegs immer wieder mit dem tragen abwechselten. Dies ist auch heute noch in leicht veränderter Form (es tragen nur noch sechs Nachbarn) Sitte geblieben.

Ab 1950 wurde der Sarg mit einem eigens von der Gemeinde angeschafften Leichenwagen, der von einem Pferd mit schwarzer Decke gezogen wurde, zum Friedhof befördert. Diesen Dienst versahen rund fünfzehn Jahre “Rapplersch” Hermann (Hermann Clees) und sein rheinisch-deutscher Fuchswallach “Bruno..

1961 wurde die Leichenhalle auf dem Arborner Friedhof fertig gestellt, die seit Anfang der 2000er Jahre über einen zweiten Aufbahrungsraum verfügt. Ab 1961 wurden die Verstorbenen schon kurz nach dem Ableben eingesargt und mit einem motorisierten Leichenwagen zum Friedhof gebracht. Als die Leichenhalle errichtet wurde, hatte „Scheller Schouster“ (Theodor Jakob), der alte Ortsdiener, sich vehement gegen diese Einrichtung ausgesprochen. Er wollte absolut nicht dort aufgebahrt sein, sondern in seinem Wohnhaus in der Hintergasse (heute von Annette Jakob bewohnt). Ironie des Schicksals; Herr Jakob war die erste Leiche, die in der neuen Leichenhalle ausgesegnet wurde.*

In der heutigen Zeit singt der Frauenchor beim Begräbnis traditionell zwei Lieder, die alte Tradition des Sterbeläutens auf Wunsch der Angehörigen besteht noch. Auch kochen die Nachbarsfrauen immer noch den Kaffee zum Leichenschmaus, welcher mittlerweile im DGH stattfindet, den Kuchen liefert jedoch eine Bäckerei. Der Brauch, alten und kranken Leuten im Dorf eine Tüte Kuchen zu bringen, hat sich in den 1990er Jahren langsam verloren, auch wird häufiger kein Beerdigungskaffee mehr gewünscht.

So haben Tod und Begräbnis bis heute ihre Tragik nicht verloren, doch der Abschied von Familie und Dorf ist ein anderer geworden.

Anmerkungen

* 1: die heute recht häufige Entbindung mit Kaiserschnitt wurde im 19 Jahrhundert, und auch früher, wegen der schlechten medizinischen Bedingungen nur an unter der Geburt verstorbenen Frauen vorgenommen um Mutter und Kind getrennt bestatten zu können.

* 2: In Mitteleuropa war der Brauch der Totenkronen weit verbreitet es gab ihn bei Protestanten und Katholiken. Mädchen und Jungen die nicht verheiratet waren bekamen beim Tode eine Totenkrone als Ersatz für den durch das Ableben entgangenen Brautkranz. Diese hielt der Verstorbene in der Hand oder man stellte sie am Kopfende, des Sarges, während der Trauerfeier auf.

Nach der Beerdigung brachte eine Totenfrau die Totenkrone zurück zur Kirche, von Angehörigen wurde sie auf den Altar gestellt bis ein Holzkasten mit einer Epitaphientafel angefertigt war. Meist ließen die Eltern oder Paten der Kinder die Totenkronen anfertigen.

*3: E-Mail von Frau Trude Keßler an die Verfasserin im Sept. 2011